Do what you love

Eine kleine Zeitreise. Wir gehen fünf Jahre zurück.
Wenn ich Leuten erzähle, ich habe schon immer geschrieben, klingt das irgendwie komisch und möchtegern-tiefsinnig.
Was hast du den geschrieben? SMS oder was? So peinliche Mädchentagebücher mit Stickern?

Nein, ich habe einfach alles aufgeschrieben. Meine Gefühle, meine Erlebnisse, meine Wünsche und Ängste und einfach alles was im meinem Kopf keinen Platz mehr hatte. Aber nicht wie in einem Tagebuch. Eher als Geschichten.
Meine Geschichten.
Und dann sah ich das erste Mal Sarah Kuttner auf Slam-Tour im Fernsehen. Junge Menschen  standen auf einer Bühne und lasen oder trugen ihre Texte vor. Poetischer als ich, aber im Prinzip die gleiche Art Texte.
Und so fand ich mich wenige Wochen später auf der Poetry-Slam-Bühne in Frankfurt wieder.
Ich war megaaufgeregt und eigentlich las ich meinen Text nur für meine Freunde. Die anderen dreihundert Leute im Publikum konnte ich überraschend gut ausblenden. Die ersten Lacher trafen mich wie eine Welle. Was für ein neues, großartiges Gefühl! Ein bisschen Stolz und Freude und vor allem Erleichterung.
Ich gewann den ersten Slam und war sofort süchtig.
Aber ich war kein produktiver Slamer. Ich schrieb nur, wenn mich die Muse küsste, wenn mir ein Thema wirklich etwas bedeutete und mir ging es nie um den Wettbewerb, sondern um das Gefühl, an einem Freitagabend viele Menschen zum Lachen gebracht zu haben. Sie in meinen Kopf zu lassen und ihnen Geschichten zu erzählen. Aber ich will ehrlich sein: ich war faul.
Außerhalb Frankfurts wollte ich nicht unbegingt auftreten; Es reichte mir, meine Texte einmal zu lesen. Ich war lieber mit Freunden zusammen. Und dann habe ich unsere Geschichten auf der Bühne erzählt.
Das Schreiben ist schon immer ein schöner Ausgleich zum langweiligen Büroalltag gewesen.
Genauso wie die Musik. Ich war eine zeitlang viel feiern. Elektronische Musik war neben dem Schreiben, meine zweite große Liebe.
Beim Feiern ging es mir nicht ums Saufen, hübsch aussehen, angebaggert werden oder gesehen zu werden. Wenn die Nacht und ich eins waren, war ich ganz nah bei mir und war einfach nur glücklich. Jung, sorgenfrei, im Moment, lebendig!
Ich konnte nur lustige Kuzgeschichten schreiben. Für Gedichte fehlt mir offensichtlich das Talent. Deshalb war auch Poetry Slam auf Dauer nichts für mich.
Aber ich wollte dieses Gefühl konservieren. In einer Form, die mich auch nach Jahren noch in meine Jugend zurück holen würde.
Diese Europhorie! Ich wollte mich erinnern. Nicht alt werden. Es war mein persönliches Nimmerland.
Das ist jetzt ein paar Jahre her und ich gehe nur noch selten weg, aber die Liebe und das Glück im Herzen habe ich behalten.
Das einzige halbwegs poetische, das ich jemals zu Papier gebracht habe ist eine Liebeseklärung an die elektronische Tanzmusik:

Eine von Ihnen. Eine von vielen.
Wir sind Grafiker, Assistenten, Bäcker… Wir arbeiten bei deinem Zahnarzt, in deinem Lieblingsshop oder in deinem Stammcafe.
Alltagsroutine, Anpassung, Anonymität.

Aber heute Nacht sind wir frei.

Wir hüllen uns in den tiefschwarzen Mantel der Dunkelheit und drängen mit nassglänzenden Augen in überfüllte Clubs. Tragen unsere dramatischen Vorgeschichten mit Stolz auf breiten Schultern und betten unsere Eitelkeit, sichtbar für jeden, in mutigen, sauberen Händen. Sind unwiderstehlich, unverwundbar, unbesiegbar und unheimlich schön.

Wir brechen das starre Korsett der Eintönigkeit.
Betreten den zeitlosen Raum, in der die eigene Welt über der Realität steht.
Für alle. Für alles. Gegen die Sehnsucht, gegen die Angst, für die Musik.

 Wenn wir sie hören, sind wir miteinander verbunden, zusammen allein.
So wie es ist, ist es richtig und es funktioniert ohne Worte. Nur durch Gefühle.
Wie nehmen die vorherrschenden Bassfrequenzen nicht über die Ohren wahr,
wir spüren sie über die Knochen und das Kribbeln auf der Haut.
Klackern, Blubbern, Dumpfen, Rollen, Schrubben.
Chemisches Vokabular. Die Symbiose zwischen Körper und Bass.

Wir tanzen im elektronischen Eisregen des herabtröpfelnden Klang-Geplänkels.
Bass raus… 1, 2, 3, 4… schließe die Augen, hör auf dein Herz, heb die Hände in die Luft, Bass rein.
Der Moment kollektiver Ekstase. Eine pulsierende Energie entlädt sich und überwältigt deine Gedanken.
Vom ich zum wir.

Pures konzentriertes Glück fließt durch deine Adern, bis das Glück sich in jeder Faser deines Körpers breit gemacht hat.
Lass den Schwindel deine Gedanken durcheinander wirbeln, spüre das Blut bei jeden Herzschlag schneller durch dich durch rauschen.

Die Musik – das Licht im Labyrinth, der Begleiter auf dem Weg zu dir selbst.
Sie nimmt den Schmerz, den Stress, den Alltag, verbindet Seelen über die Bässe.
Die Bewegung ist alles, nicht das Ziel. Wir tanzen dem Morgen entgegen.

Und während die Morgensonne uns in einem surrealen Lichtermeer voller Erfüllung zu einer Masse verschmelzen lässt, jault die Menge auf, als fürchte sie, durch das hereinscheinende Tageslicht gleich zu Staub zu zerfallen.
Es ist eine Gemeinschaft der Gleichen, moderner Vampire, ohne Hunger, mit schwarzen Augen, süchtig nach dem Bilderrausch und der Leichtigkeit des Seins.

Und du tanzt… gegen die Zeit.
Denn die Zeit, die gibt es nicht, nicht hier, nicht jetzt.
Wortlos gehorcht die Menge nur einem Befehl: Glücklichsein.
Die Gedanken sind frei und ausgeflogen.
Wir kehren zurück auf den Holzboden der Tatsachen.
Genießen den Moment, in dem man sich verliert.
Wir saugen jeden glücklichen Augenblick auf, damit wir davon zehren, wenn die Person im Spiegel uns nicht mehr ähnelt.
Wir füllen die zukünftigen Furchen der Zeit in unseren Gesichtern mit Leben.

Und was machst du, das sich so glücklich macht?
We call it Techno.

2015-09-16T17:11:50+00:00